Aktuelles I Reflexionswerkstatt
März 2026
28.03.2026
In der Buchhaltung meines Vertrauens Mark Terkessidis Essay mit der Frage "Wann beginnt der Faschismus" entdeckt.
Zentrale analytische Begriffe:
Die Haltung der gefährdeten Gemeinschaft - Das Bedürfnis nach Trauma - Der Staat und die gefährdete Gemeinschaft - Die Kunst der Denunziation - Die Haltung der Performativität - Mentale Inflation - Die Typologie der neuen Schlafwandler ...
Wir müssen was gegen Rechts machen?
"Eine Ähnlichkeit zu den 1920er Jahren besteht darin, dass Gesellschaften damals auch mit vielen Reformen im Niemandsland steckgeblieben waren. Die Öffnungen sorgten für Unruhen und mentale Inflation, was Formen des Schlafwandelns ebenso beförderte wie die Reaktion, also den Wunsch durch "Wiedergeburt" zum vorherigen Zustand zurück zu kehren. Die Verbreitung von Unruheherden, die Multiplikation von Mikro-Faschismen lässt sich gestern wie heute beobachten. Die beschriebene Haltung der gefährdeten Gemeinschaft ist ein regelrechten Baustein faschistischen Denkens, auch wenn die derzeitigen Formen zumindest nominell auf der Grundlage der Demokratie bleiben. Die Haltung der Performativität richtet das Denken nach der Maßgabe der Wirksamkeit aus, was durchaus eine Verwandtschaft mit faschistischen Ideen hat, zum wenn irrationale Konsequenzen in Kauf genommen werden."
(S. 117-118)
Mark Terkessidis (2026). Gewalt am Denken. Wann beginnt Faschismus?
Berlin: Matthes & Seitz Verlag
23.03.2026
"Eine Zukunft mit Vision ist eine Zukunft mit Hoffnung. Hoffnung ist Vertrauen in die Bewegung des Leben."
Pilar Buira Ferre
Pilar, meine Lehrerin der Bewegung und Präsenz,starb am 23.03.26.
18.03.2026
Kater Adorno
Am 18.03.2026 mussten wir unseren vor 11 Jahren zugelaufenen Kater "Adorno" einschläfern.
Er wurde 16 Jahre und hatte ein freies, erlebnisreiches Katzenleben. Da er sich auch als ein zugewandter Menschenfreund erwies, gewann er meine Liebe von Mensch zu Katzentier.
Kater Adorno hat mir in der Begegnung von Katzentier zu Mensch einige Einsichten über das Kreatürliche des Lebens vermittelt... da bin ich ihm sehr dankbar.
In diesen Tagen vertiefe ich dies mit einer Relektüre von Jacques Derrida's Essay "Das Tier, das ich also bin" (Passagen Verlag, 2002).
Derridas Ausgangspunkt: als seine Katze ihn nackt sah, anschaute und er - als reflektierender Mensch - sich schämte - und: im Nachgang sich schämt, weil er sich schämte ...
Es geht Derrida um die Erkenntnis des "Animot" als ein spezifisch ANDERER*, als ein Gegenüber des Menschen auf Augenhöhe - er stellt damit das logozentrische Herrschaftsdispositiv in Frage.
8.03.2026
Die Barbarei des Tötens, die Barbarei der Kriege – diese Realität macht mich zwischenzeitig sprachlos…
Vor vier Wochen sah ich das Multi-Media-Theaterstück Mutige Frauen – Erinnern ins Jetzt
Was wäre, wenn die Geschichte anders erzählt würde, andere Aspekte als die von Männern geprägten Lebensdoktrinen weitergegeben, andere Fähigkeiten wahrgenommen und ins Zentrum gestellt würden?
An die Leben von Gertrud Woker, Clara Thalmann und anderen widerständigen Frauen erinnerte ein internationales Frauenkollektiv aus dem Ensemble der Volksbühne Basel.
Im Programmflyer fand ich folgendes Zitat:
"Anders als oft behauptet ist Hoffnung nicht ein Gefühl, das Mensch hat oder eben nicht. Sie ist keine zufällige Erscheinung, aber eine Entscheidung und stetige Arbeit. Sie ist das Gegenteil der Verwirrung und Angst. Sie ist die Gewissheit, dass wir das, was kommt, beeinflussen und damit umgehen können. Hoffnung weitet unsere Gedanken und Körper, denn sie ist 'verliebt in das Gelingen und nicht in das Scheitern'. Sie gibt dem Guten seine angemessene Bedeutung. So wird die Hoffnung stärker als die Angst vor dem Schmerz. Im Gegensatz zum Optimismus, der ruhig auf seinem Platz auf bessere Zeiten wartet, nimmt die Hoffnung aktiv Einfluss auf den Lauf der Dinge."
(KAF Berlin, Kollektiv für den Anarchaqueerfeminismus)
Februar 2026
19.02.2026
Gedenken an den rassistischen Anschlag in Hanau - 19. Februar 2020
Say Their Names – Erinnern heißt verändern.
Ein 43jähriger deutscher Mann erschoss aus rassistischem Hass 9 Bürger der Stadt Hanau, es waren Menschen mit Migrationshintergrund.
Ihre Namen:
Gökhan Gültekin, 37 J.
Sedat Gürbüz, 29 J.
Said Nesar Hashemi, 21 J.
Mercedes Kierpacz, 35 J.
Hamza Kurtović, 22 J.
Vili Viorel Pãun, 23 J.
Fatih Saraçoğlu, 34 J.
Ferhat Unvar, 23 J.
Kaloyan Velkov, 32 J.
Ibrahim Akkuş, 70 J. – er starb am 10.01.2026 an den Folgen des Attentats.
Mit ihm wurden vier weitere Menschen verletzt. Darüber hinaus ist immer auch an die traumatisierten Familienangehörigen und Freund:Innen der Opfer zu denken.
Die bürgerliche Ideologie und der reaktionäre Drift
Die CDU stellt als bürgerliche Partei der sogenannten "Mitte" immer wieder rechtsextreme, rassistisch und antisemitisch motivierte Gewalt und linksextreme Gewalt auf eine Ebene.
Rechte Gewalt wird tendenziell verharmlost. Die Opferzahlen zeigen ein eindeutiges Bild: Die Amadeo Antonio Stiftung geht seit 1990 von 222 Todesopfern sowie 17 weiteren Verdachtsfällen aus (offizielle Statistiken zählen "nur" 117 Todesopfer, da in Vergangenheit nicht alle als politisch motivierte Taten erfasst wurden).
Die Nachordnung und tendenzielle Verharmlosung entspricht der ideologischen Ordnung bürgerlicher Politiken, wonach eine Politik, die die ökonomischen Verhältnisse, das kapitalistische Machtdispositiv und die damit begründeten Gewaltverhältnisse, die ungerechte Verteilung von Lebensressourcen kritisiert, gefährlicher sei, als rechte Politiken.
Das verbindet die bürgerlichen Parteien auf diesem ideologischen Vektor mit der AfD, die behauptet, es gäbe keine rechte Gewalt, die zu bekämpfen sei:
"Politische Gewalt, insbesondere durch Linksextremisten, ist ein seit Jahren wachsendes Problem. Dies nicht zuletzt, weil Politik und Medien seit Jahren die Augen davor verschließen und zugleich eine Bedrohung von rechts herbeiphantasieren."
(Wahlprogramm BW 2026, S. 46)
Wem dient die Verdrehung der Realität?
16.02.2026
Thomas Piketty`s Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus
"Gestützt auf ein Programm der schrittweisen Entmarktung der Wirtschaft (Bildung, Gesundheit, Energie, Verkehr, Wohnen etc.) und Vergesellschaftung von Reichtum muss der demokratische und ökologische Sozialismus nach und nach Teil des gemeinsamen Fundaments werden - in dem Maße, in dem er seine Fähigkeit unter Beweis stellt, die globalen sozialen und ökologischen Herausforderungen überzeugender zu bewältigen als die kapitalistischen und marktwirtschaftlichen Mechanismen." (S. 55-56)
"Dabei ist es dringend geboten, dass weltweit alle Länder proportional zu ihrer Bevölkerungszahl einen Teil der Einnahmen aus der Besteuerung der reichsten Akteure
des Planeten (multinationale Unternehmen und Milliardäre) erhalten. Zum einen, weil jedes menschliche Wesen ein Mindestrecht auf Entwicklung, Gesundheit und Bildung haben sollte, und zum anderen, weil es den Wohlstand der reichen Länder ohne die armen Länder nicht gäbe. Ob gestern im Westen oder heute in China, die Bereicherung stützt sich seit jeher auf internationale Arbeitsteilung und schonungslose Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen des Planeten. Wenn sich am anderen Ende der Welt Flüchtlinge auf den Weg machen, verkündet der Westen gern, sich um sie zu kümmern, sei Sache der Nachbarländer, wie arm diese Länder auch sein mögen. Gilt es dagegen, Uran- oder Kupfervorkommen abzubauen, sind die westlichen Unternehmen als Erste zur Stelle, ganz gleich, wie weit der Weg ist." (S. 93)
Thomas Piketty (2025). Für einen ökologischen Sozialismus. Interventionen. München: C.H. Beck Verlag.
9.02.2026
Michel Friedman: Wenn es nicht als Problem aller gilt, wenn eine Gruppe in der Gesellschaft bedroht wird, findet eine doppelte Entsolidarisierung statt.
«Manchmal frage ich mich in diesen Tagen, was für jüdisches Leben bedrohlicher ist: die Gewalt der wenigen? Oder die Gleichgültigkeit der vielen? Heißt es deshalb immer noch «Wir stehen an eurer Seite?» Statt zu versichern: «Wir stehen gemeinsam», es wird von der Solidarität mit Juden gesprochen. Das ist wieder eine Exklusion, eine Ausgrenzung, und das ist politisch gefährlich für die gesamte Demokratie, für den gesamten Rechtsstaat. Denn wenn es nicht als Problem aller gilt, wenn eine Gruppe in der Gesellschaft bedroht ist, sondern als Problem dieser Gruppe, dann findet eine doppelte Entsolidarisierung statt. Die erst führt dazu, dass diese Gruppe überhaupt angegriffen werden kann. Die zweite bedeutet, dass sie nicht sicher sein kann, dass der Angriff auf sie als Angriff auf alle verstanden - und gemeinsam abgewehrt wird.» (S.67-68)
«Nach NSU, nach Hanau, nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübke 2019, nach unzähligen Opfern seit Jahrzehnten, wird spät, sehr spät ausgesprochen, was alle wussten, dass der Hass auf Menschen, auch der Judenhass, zwischen 20 und 30 Prozent der Wähler nicht daran hindert, eine solche Partei (die AFD) zu wählen. Es ist erschütternd. Für Juden. Aber nur für Juden? Auch unsere gesamte Demokratie wird angegriffen.» (S. 72)
Michel Friedman (2024): 7. Oktober 2023. Judenhass. Berlin: Berlin Verlag.
6.02.2026
Ole Nymoen: „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“
- bedenkenswerte Erkenntnisse eines jungen Mannes.
„Ein gutes Leben für alle ist nicht die Staatsräson der Bundesrepublik. Der so oft beschworene „gesellschaftliche Zusammenhalt“, er ist nichts weiter als Weihnachts- und Neujahrsansprachen. Und dennoch tun die maßgeblichen Politiker so, als würden die Interessen des Staates und die seiner Bürger in eins fallen, so dass die Kriegstüchtigkeit nicht nur von oben verordnet, sondern von unten gewollt sein müsse.“ (S. 17,18)
„…was das Wesen des Krieges ist: nämlich, dass wenige Menschen über andere bedingungslos verfügen können; dass sie das Recht haben, diese für ihre eigenen machtpolitischen Interessen nach Belieben zu benutzen und genau das dann auch tun.“ (S. 40)
„Krieg ist nicht falsch, weil er verboten ist. Er ist falsch, weil einige wenige Menschen über die Leichenberge anderer gehen können, um ihre Interessen durchzusetzen.“ (S. 110)
„So viel Liberalität erlaubt sich aber auch der freieste Staat nur, solange er seine Kritiker für keine ernstzunehmende Gefahr hält. Wenn er in dieser Hinsicht hingegen unsicher ist, dann kann auch ein freiheitlicher Staat wie die Bundesrepublik anders, wie Zehntausende deutsche Linke am eigenen Leib erfahren durften: Ab den 1950er-Jahren wurden Kommunisten so lange mit Partei- und Berufsverboten belegt, bis niemand mehr auf die Idee gekommen wäre, sich zu solchen intellektuellen Umtrieben öffentlich zu bekennen - was einer der Hauptgründe dafür ist, dass es in Deutschland heute keine gesellschaftlich relevante Linke mehr gibt.“ (S. 119)
Wofür ich kämpfen würde…
„Ich wäre gern Teil einer Gesellschaft, in der es nicht als Schwäche gilt, aufeinander angewiesen zu sein - sondern als Selbstverständlichkeit, als Voraussetzung jeglicher menschlichen Kooperation. Ich würde gern in einer Gesellschaft leben, in der ein jeder nicht bloß an seinen Vorteil denkt, sondern Freude daran hat, das soziale Leben gemeinsam mit anderen zu gestalten.“ (S. 130)
Ole Nymoen (2025): Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Hamburg: Rowohlt Verlag.
Januar 2026
28.01.2026
Spuren des Richtigen im Falschen...
Bruce Springsteen veröffentlicht Protestsong
"Oh, our Minneapolis, I hear your voice
Singing through the bloody mist
Here in our home, they killed and roamed
In the winter of '26
We'll take our stand for this land
And the stranger in our midst
We'll remember the names of those who died
On the streets of Minneapolis"
14.01.2026
F.M., der Kanzler und seine rechte Gesinnung.
Beim Neujahrsempfang der Wirtschaft in Halle (Saale) antwortet F.M. auf die Frage, welches Gesetz er streichen würde: »Ich würde wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen.«
16.01.2026
Bei einer Wahlkampfveranstaltung (Landtagswahlen sind in Baden-Württemberg am 8. März) in Bad Rappenau bei Heilbronn räsoniert F.M. über einen zu hohen Krankenstand.
Wer wie F.M. und seine CDU - Kumpanen Arbeiter:Innen und Angestellte als faule, zu wenig leistungsbereite Gesell:Innen darstellt, verrät die historischen Errungenschaften der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und den sogenannten „Sozialstaat“. Die selbsternannte „Partei der Mitte“ war schon immer eine recht bürgerliche Partei.
3. Januar - USA: imperialer Zugriff auf Venezuela
Kapitalismus und "Das Recht des Stärkeren": der Imperialismus der USA hat eine lange Geschichte.
Anfang September 2025 begann das Militär der USA vor der Küste von Venezuela mit Luftschlägen gegen mutmaßliche Drogendealerboote.
Am 3. Januar 2026 führten die USA einen groß angelegten Militärschlag auf venezolanisches Gebiet durch. Dabei wurden der Staatspräsident Nicolás Maduro und seine Frau von US-Eliteeinheiten in die USA entführt und inhaftiert.
Neu ist unter dem Trumpregime, dass "Demokratie und Menschenrechte" nicht mehr als ideologischer Deckmantel vorgeschoben werden, sondern dass das imperialistische Machtinteresse offen vorgetragen und brutal praktiziert wird.
Es ging immer schon um Ressourcen (in diesem Fall um Ölvorkommen / wie auch im Nahen Osten) und damit um die Bereicherung der Mächtigen.
Erinnert sei an die militärischen Interventionen und verdeckten Operationen der CIA in Südamerika seit den 50er Jahren:
Guatemala (1954)
Operation PBSUCCESS: Ein geheimdienstlich unterstützter Putsch stürzte den demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz, der landwirtschaftliche Reformen durchführte, die als Bedrohung für US-amerikanische Interessen galten.
Kuba (1961)
Invasion in der Schweinebucht: Eine gescheiterte CIA-Operation, bei der etwa 1.400 exil-kubanische Rebellen mit Unterstützung der USA versuchten, das kommunistische Regime von Fidel Castro zu stürzen. Die Invasion scheiterte und trug zur Verschärfung des Kalten Krieges bei. Das Wirtschaftsembargo besteht bis heute.
Dominikanische Republik (1965)
Militärische Intervention: Die USA intervenierten militärisch, um einen drohenden kommunistischen Einfluss nach dem Sturz des Präsidenten Juan Bosch zu verhindern.
Chile (1973)
Unterstützung des Militärputsches gegen Salvador Allende: Die USA, insbesondere die CIA, unterstützten den Militärputsch von General Augusto Pinochet, der die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende stürzte.
Nicaragua (1980er Jahre)
Unterstützung der Contra-Rebellen: Die USA unterstützten die Contra-Rebellen gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas, die 1979 die Diktatur von Anastasio Somoza gestürzt hatte.
Honduras (1980er Jahre)
CIA-Operationen: Während der 1980er Jahre wurde Honduras zu einem wichtigen Stützpunkt für US-Operationen gegen die sandinistische Regierung in Nicaragua.
El Salvador (1980er Jahre)
CIA-Operationen und Militärhilfe: Die USA unterstützten die Regierung von El Salvador mit militärischer Hilfe und Beratern im Bürgerkrieg gegen die linke Guerillabewegung FMLN.
Grenada (1983)
Operation Urgent Fury: Nach einem Militärputsch auf Grenada, bei dem der pro-westliche Premierminister Maurice Bishop ermordet wurde, griffen die USA militärisch ein. Der Vorwand war, den Schutz amerikanischer Staatsbürger zu gewährleisten.
Panama (1989)
Operation Just Cause: Die USA griffen Panama an, um den Diktator Manuel Noriega zu stürzen, der beschuldigt wurde, Drogenhandel zu betreiben und die Demokratie zu untergraben.
Venezuela (2000er Jahre)
Verdeckte Operationen und Unterstützung von Oppositionellen: Die USA haben wiederholt verdeckte Operationen durchgeführt und oppositionelle Gruppen unterstützt, die gegen die sozialistische Regierung von Hugo Chávez kämpfen.
Dezember 2025
27. Dezember
Essay von Yassin Al-Haj Saleh: Hannah Arendt in Syrien.
Wie Judith Butler Körper bezeichnet, die nicht betrauert werden können, verweist Al-Haj Saleh auf die Abwesenden, auf "Absenz", Menschen, die keine Stimme haben, die zum Schweigen gebracht werden.
Totalitäre Systeme wie in Assads Syrien behaupten "Ewigkeit" - sie schaffen nach Al-Haj Saleh die Zeit ab, indem produktives Handeln, Zukunft und Veränderung negiert wird.
„Heute scheint die Zeit reif für eine radikale Kritik, die eine dreifache Absenz in der Demokratie aufzeigt: Eine innere in Gestalt der Migranten, eine internationale in Gestalt der Mehrheit der Menschen auf der Welt, über die in verschiedener Weise nationale Oligarchien herrschen, die sich auf ein Konzept des dominanten Staates berufen, sowie eine Absenz der Umwelt, verkörpert durch Artensterben, Klimaerwärmung, Niederschlagsveränderungen und zunehmende umweltbedingte globale Fluchtbewegungen. Dies erfordert weltweit beziehungsweise universal eine neue politische Fantasie.“ (S.38)
Yassin AI-Haj Saleh (2026). Hannah Arendt in Syrien. Matthes& Seitz, Berlin.
24. Dezember - "Frohe Weihnachten und eine lebbare Welt"
Judith Butler: Kämpfen um eine lebbare Welt…
In ihrem Essay "In welcher Welt leben wir?", in dem sie die Pandemie Erfahrungen reflektiert, arbeitet Judith Butler die Widersprüche der kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaften heraus. Sie zeigt die grundlegende soziale Ungleichheit und differentielle Betrauerbarkeit auf. Welche Leben sind es wert, betrauert zu werden?
Butler fordert eine gewaltfreie Politik und ein Engagement für eine lebbare Welt.
„In einer lebbaren, bewohnbaren Welt leben zu wollen, heißt, sich gegen jene gesellschaftlichen Kräfte aufzulehnen, die diese Leben, diese Lebensformen und diese lebendigen Umwelten nur allzu leicht aufzugeben bereit sind. Man kann sich dieser geballten Brutalität nicht allein widersetzen, sondern nur kollektiv durch Unterstützungsnetzwerke, die neue Bedingungen des Lebens schaffen, neue und anders gestaltete Raum-Zeiten des Begehrens, die wiederum neue Formen des gemeinschaftlichen Lebens und kollektive Werte und Wünsche hervorbringen und inszenieren. Um lebbar zu sein, muss ein Leben verkörpert sein; und es braucht zum Leben einen geschützten Raum, eine Unterkunft, eine Wohnung. Zugang zu Wohnraum und Infrastruktur sind also wesentliche Voraussetzungen für ein lebbares Leben. Doch nicht nur das Haus und das Zuhause sind solche Räume, sondern auch der Arbeitsplatz, Läden, Straßen, Felder, Dörfer, Großstädte, Verkehrsmittel und öffentliche Plätze.“ (S. 83-84)
„Wir müssen für eine Welt kämpfen in der wir das Recht auf Gesundheitsversorgung für den Fremden am anderen Ende der Welt ebenso vehement verteidigen, wie für unsere Nachbarn oder unsere Liebsten. Das erscheint möglicherweise unvernünftig und zu altruistisch, aber vielleicht ist es an der Zeit, die nationalistische Orientierung zu hinterfragen, die unseren Begriff des Vernünftigen durchdringt.“ (S. 84)
„Selten sehen wir öffentliche Nachrufe eine Person würdigen, die ihren Job verloren hat oder die aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage war, das allermeiste von dem zu tun, was mit neoliberalen Maßstäben messbar wertvoll wäre. Wenn die Person eine Frau war, wird sie kurzerhand auf die häusliche Sphäre reduziert, wo ihr Wert darin besteht, Kinder großzuziehen oder sich um Nachbarn zu kümmern. Neoliberale Marktwerte sind nicht in der Lage, den Wert verlorener Leben angemessen zu vermitteln, denn sie sind selbst Teil einer Maschinerie des Verlusts, Vehikel eines kapitalistischen Todestriebes, der den Wert der Märkte höher schätzt als den der Menschenleben, die sie am Laufen halten.“ (S. 112)
„lch bin überzeugt, dass der Kampf für eine gewaltlose Politik zugleich ein Kampf für den gleichen Wert aller Lebewesen und gegen die letale nekropolitische Logik ist, die weiterhin ganze Bevölkerungsgruppen als entbehrlich markiert (oder unmarkiert lässt) und ihr Leben als nicht schützenswert präsentiert, als nicht wert, betrauert zu werden.“ (S. 123)
„Die beiden Aspekte meines Arguments lassen sich wie folgt rekapitulieren: 1. Der Kampf gegen soziale Ungleichheit muss auch ein Kampf gegen die differenzielle Betrauerbarkeit sein; und 2. muss dieser Kampf Teil einer gewaltfreien Politik sein. Denn Gewaltlosigkeit bedeutet nicht nur, dass man sich gegen einen bestimmten Gewaltakt wendet, sondern auch gegen gewaltvolle Institutionen, politische Regelungen und Staaten, deren Politik darin besteht, bestimmte Bevölkerungsgruppen dem möglichen Tod auszusetzen oder Menschen sterben zu lassen.“ (S. 123)
Judith Butler (2025): In welcher Welt leben wir? Wien, Passagen Verlag.
3. Dezember - Walter Lübcke - Memorial
Das "Zentrum für politische Schönheit" hat am 2. Dezember eine künstlerisch professionell gestaltete Bronzeskulptur von Walter Lübcke, dem 2010 von einem faschistischen Attentäter Ermordeten, vor die CDU Zentrale in Berlin gestellt. Die Künstler:Innen schreiben zu ihrer Aktion (https://politicalbeauty.de):
"Demokratien werden nicht gestürzt. Sie werden verraten. Der Weg des Faschismus an die Macht führt über die Konservativen. So war es 1933. So könnte es wieder kommen. Die Gefahr einer faschistischen Machtaushändigung ist heute so real wie nie. In der CDU mehren sich die Stimmen, die die Brandmauer zur AfD einreißen wollen. In vielen Städten Brandenburgs und Sachsens stehen die Tore der CDU für Rechtsextremisten sperrangelweit offen. Der Konservatismus trägt Konservatismus trägt nicht nur die historische Schuld – die Konsequenzen seiner Naivität, Leichtfertigkeit und Machtbesessenheit waren mörderisch. Verfassungsfeinde gilt es zu fürchten. Es gibt keine Machtoption für die AfD ohne CDU.
Wir schaffen einen Platz gegen das Wegsehen, für Haltung und für den Schutz der Demokratie. Gedenken heißt kämpfen. Denn die Geschichte ist eindeutig: Konservative Parteien überleben nur dort, wo sie sich den Extremisten in den Weg stellen, Sympathisanten für extremistische Ansichten aus den eigenen Reihen entfernen und Extremisten von der Macht fernhalten. Walter Lübcke hat nicht geschwiegen. Er hat eine Grenze gezogen. Dafür wurde er ermordet. Die Macht der Geschichte hängt von unserem Gedenken ab. Handeln wir, ehe es zu spät ist."
Die CDU teilte mit:
Die Aktion sei eine "unaufrichtige Instrumentalisierung von
Lübcke durch linke Aktivisten" und "in ihrer Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten".
Wer den Kampf gegen die Feinde unserer Demokratie "aufrichtig mit uns führen will, darf sich nicht gegen die politische Mitte wenden.“
Und der CDU-Regierende von Berlin, Kai Wegner:
Walter Lübcke "in eine sogenannte künstlerische Provokation hineinzuziehen, die bewusst auf Eskalation und gesellschaftliche Spaltung setzt, ist schlicht unanständig".
Zitate der CDU entnommen dem "Welt" Artikel:
"Mit Warnweste darfst du alles... " (https://www.welt.de/)
Fragen:
Wer instrumentalisiert wen?
Wer eskaliert im rechten Diskurs, wer leistet spaltende Beiträge?
- siehe der "Stadtbild-Diskurs" von F.M.
Die Projektiven Affekte der CDU zeigen, dass der politische Diskurs der sogenannten «Mitte« bereits jenseits der "Anfänge, denen es zu erwehren gelte" zu verorten ist.
Wenn engagierte Kunst, wenn Aufklärung als «spaltend», als «unaufrichtig» und «unanständig» bezeichnet wird, ist der politische Diskurs schon so weit nach rechts gedriftet, dass es darum geht, mit allen antifaschistischen Kräften hinzustehen und dem rechtspolitischen, reaktionären Diskurs ein starkes, ein widerständiges STOPP entgegenzusetzen.
November 2025
9. November - 87 Jahre Reichspogromnacht...
Eingedenken
der Menschen
Menschen
Menschen
Menschen
Menschen
...
das Licht der Kerzen
legt in Demut
still
ein Wort
auf unsere Lippen
Shalom
für alle Menschen
Shalom … Salam … Peace
Friede sei mit dir.
Der neue Faschismus...
„Faschismus zeichnet sich dadurch aus, sich moderne Technologien als Machtinstrument zur Durchsetzung antidemokratischer Destruktion anzueignen. Das futuristische populäre Bild von KI und die Tech-Ideologien, die hinter diesem Bild stehen, tragen die Idee einer solchen faschistischen Indienstnahme von KI-Technologie bereits in sich.
Denn in diesen Narrativen schlummert ein Heilsversprechen in Bezug auf die Zukunft, das strukturell an die Stelle des Phantasmas vom „tausendjährigen Reich“ der Nazis tritt. Der Begriff von technologischem Fortschritt, der durch Tech-Ideologien und populäre KI-Narrative transportiert wird, geht selektiv und elitistisch vor, denn er beruht auf Eugenik, Rassismus, Hierarchisierungen von Menschen und rechtfertigt soziale Ausschlüsse und Ungleichheit bis hin zur Ausbeutung und Unterdrückung.“ (S. 144 - 145)
Rainer Mühlhoff (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Stuttgart: Reclam.
Oktober 2025
Stadtbild - Kalküle eines Populisten
F.M. war schon vor 30 Jahren ein aufrechter Bierdeckel Populist.
Also: er beherrscht das üble Spiel der Populisten.
Jede/r weiß, was mit dem undifferenziert Gesagten gemeint ist. Erregung wird einkalkuliert.
Kritik kann mit einem "So war es nicht gemeint" ausgebremst werden. Auch das ist Kalkül.
Vereinfachende Bezüge herstellen, die assoziativ anklingen und affektiv laden, das ermöglicht, sie in den Affektraum einer Interpret:In zurückzuweisen.
Es sind die bewusst gelegten Fährten, die politisch genutzt werden.
Demnach ist die Schablone "Stadtbild" zwar nicht offen rassistisch, funktional aber sind die Fährten - zum Innenminister, der verstärkt Abschiebungen vorbereite und die instrumentalisierten "Töchter", die zu befragen seien, diese Fährten sind Vektoren, die in den rassistischen Raum der radikalen Rechten hineinreichen.
Jule Govrin`s Arbeiten entdeckt...
Jule Govrin bezieht sich u.a. auf die Analysen Judith Butlers zur Verwundbarkeit und Betrauerbarkeit der Körper und der Frage nach den Gewaltverhältnissen, die Körper und Menschen exkludieren, dass sie nicht betrauert werden können.
Des Weiteren bezieht sie sich auf die Analysen von Bini Adamczak («Beziehungsweise Revolution»), in denen Adamczak entfaltet, dass in Revolutionen jenseits des Geschlechterverhältnisses das Begehren nach (neuen) gesellschaftlichen Beziehungsweisen der Solidarität angelegt ist.
«Ein vielstimmiger Ruf von Ni Una Menos* lautet: Nos mueve el deseo - Begehren bewegt uns. Begehren, als soziale Kraft begriffen, bringt kollektive Handlungsgefüge hervor, die andere Formen des Zusammenlebens aufzeigen. Begehren wohnt nicht einem Individuum inne, sondern entspringt selbst dem Dazwischen der Körper. Es bringt wiederum Beziehungen hervor. Und wenn sich diese Beziehungen als solidarisch erweisen, kann sich ein Aufbegehren manifestieren, das alle erfasst, als geteilter Wunsch, das Bestehende zu verändern. Darin zeigt sich Begehren als politische, kollektive Kraft, als potencia. Mithin bilden solidarische Beziehungen konkrete, gelebte Alternativen, die sich der neoliberalen Rationalität und ihrem Dogma der Alternativlosigkeit widersetzen. Es ist diese performative Kraft des Begehrens, die neue Ökonomien der Sorge stiftet und Erfahrungswelten der geteilten Verwundbarkeit eröffnet. Dieses transformative Begehren widersetzt sich den sozialen Ordnungen, die sich an der Wertlogik des Kapitals ausrichten.» (S. 183)
Jule Govrin (2022): Politische Körper. Von Sorge und Solidarität. Berlin: Matthes & Seitz.
*Ni Una Menos - «Nicht eine weniger»: nach einer Reihe brutaler Femizide entstand diese feministische Bewegung im Sommer 2015 in Argentinien. Sie verbreitete sich über die sozialen Netzwerke über ganz Lateinamerika und Teilen Europas.
Der Begehrenswert…
Jule Govrin geht von folgenden Fragen aus:
„Welche affektive und ästhetische Arbeit müssen Menschen leisten, um als erfolgreiche ökonomische Subjekte angesehen zu werden? Wie wirken Wertvorstellungen, Konsumpraktiken und Warenverhältnisse mit Beziehungen zusammen?“ (S. 40)
„Die Kritik des ästhetischen Kapitalismus legt die Betrachtung von Ökonomie als Begehrensökonomie nahe. Denn wenn man Kapitalismus als rein zweckrationales, bedürfnisorientiertes System begreifen will, stößt man schnell an Grenzen. Befriedigt werden allenfalls die Bedürfnisse der besitzenden oberen Prozent, zum Preis der Zerstörung von Menschenleben und Natur, angefangen bei der kolonialen Gewalt bis hin zur Klimakatastrophe, die am stärksten zulasten derer geht, die am wenigsten dafür verantwortlich sind.“ (S. 41)
„All die affektive ästhetische und sexuelle Arbeit ist derart selbstverständlich, eingesickert als Körperwissen, dass ihre Anforderungen kaum bewusst wahrgenommen und ausgeführt werden. Um sich der eigenen Attraktivität zu versichern, wird der Körper sorgsam eingekleidet, behutsam frisiert, minutiös trainiert und gezielt in Pose geworfen. Das begehrenswerte Selbst soll sich entlang kultureller Schablonen entwerfen und gleichwohl durch Geschmacksvarianzen distinguieren.
Dieser Imperativ des Individuellen schafft Freiräume, um sich jenseits von geradlinigen Biografien zu bewegen, dennoch beinhaltet er Formvorgaben zur Identitätsgestaltung. In konsumkultureller Hinsicht erscheint Individualität als flexibles Gebilde aus Präferenzen, da sich Persönlichkeit anhand von Geschmacksnuancen und Konsum- praktiken ausdifferenziert - so zumindest das Kalkül. Die Aufforderungen und Angebote, sich als attraktives Selbst herauszuarbeiten, takten attraktive Reaktionen, beeinflussen körperliches Wohlbefinden, orchestrieren Gesten und dirigieren Blickregime. Durch die Arbeit, die Menschen an ihren Körpern leisten, bewerben sie sich selbst, um im Wettstreit um Begehrenswert mitmachen zu können oder sogar hervorzustechen. Dies hat Figuren wie Influencer hervorgebracht. Sie verkörpern die Bindung zwischen dem Begehrenswert einer Ware und dem einer Person.“
(S. 80 - 81)
Govrin, Jule (2023): Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware. Berlin: Matthes & Seitz.

Ausstellung im «Schloss» zu Gurtweil
28.09. – 26.10.2025
Der Engel der Geschichte und Margot Friedländer
Einladung zur Vernissage
am Sonntag, 28. September 2025
um 14 Uhr
Im «Schloss»
in Gurtweil / Waldshut-Tiengen, Schlüchttalstr. 1
Die Ausstellung kann Montag – Freitag von 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr und an den Sonntagen: 12.10.,19.10. und 26.10 von 14.00 – 16.00 Uhr besichtigt werden.
Dieter Scheibler ist an diesen Sonntagen anwesend.
