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Aktuelles I Reflexionswerkstatt

 

Dezember 2025

23. Dezember - "Frohe Weihnachten" 

Judith Butler: Kämpfen um eine lebbare Welt…

In ihrem Essay "In welcher Welt leben wir?", in dem sie die Pandemie Erfahrungen reflektiert, arbeitet Judith Butler die Widersprüche der kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaften heraus. Sie zeigt die grundlegende soziale Ungleichheit und differentielle Betrauerbarkeit auf. Welche Leben sind es wert, betrauert zu werden?

Butler fordert eine gewaltfreie Politik und ein Engagement für eine lebbare Welt.

„In einer lebbaren, bewohnbaren Welt leben zu wollen, heißt, sich gegen jene gesellschaftlichen Kräfte aufzulehnen, die diese Leben, diese Lebensformen und diese lebendigen Umwelten nur allzu leicht aufzugeben bereit sind. Man kann sich dieser geballten Brutalität nicht allein widersetzen, sondern nur kollektiv durch Unterstützungsnetzwerke, die neue Bedingungen des Lebens schaffen, neue und anders gestaltete Raum-Zeiten des Begehrens, die wiederum neue Formen des gemeinschaftlichen Lebens und kollektive Werte und Wünsche hervorbringen und inszenieren. Um lebbar zu sein, muss ein Leben verkörpert sein; und es braucht zum Leben einen geschützten Raum, eine Unterkunft, eine Wohnung. Zugang zu Wohnraum und Infrastruktur sind also wesentliche Voraussetzungen für ein lebbares Leben. Doch nicht nur das Haus und das Zuhause sind solche Räume, sondern auch der Arbeitsplatz, Läden, Straßen, Felder, Dörfer, Großstädte, Verkehrsmittel und öffentliche Plätze.“ (S. 83-84)

„Wir müssen für eine Welt kämpfen in der wir das Recht auf Gesundheitsversorgung für den Fremden am anderen Ende der Welt ebenso vehement verteidigen, wie für unsere Nachbarn oder unsere Liebsten. Das erscheint möglicherweise unvernünftig und zu altruistisch, aber vielleicht ist es an der Zeit, die nationalistische Orientierung zu hinterfragen, die unseren Begriff des Vernünftigen durchdringt.“ (S. 84)

„Selten sehen wir öffentliche Nachrufe eine Person würdigen, die ihren Job verloren hat oder die aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage war, das allermeiste von dem zu tun, was mit neoliberalen Maßstäben messbar wertvoll wäre. Wenn die Person eine Frau war, wird sie kurzerhand auf die häusliche Sphäre reduziert, wo ihr Wert darin besteht, Kinder großzuziehen oder sich um Nachbarn zu kümmern. Neoliberale Marktwerte sind nicht in der Lage, den Wert verlorener Leben angemessen zu vermitteln, denn sie sind selbst Teil einer Maschinerie des Verlusts, Vehikel eines kapitalistischen Todestriebes, der den Wert der Märkte höher schätzt als den der Menschenleben, die sie am Laufen halten.“ (S. 112)

„lch bin überzeugt, dass der Kampf für eine gewaltlose Politik zugleich ein Kampf für den gleichen Wert aller Lebewesen und gegen die letale nekropolitische Logik ist, die weiterhin ganze Bevölkerungsgruppen als entbehrlich markiert (oder unmarkiert lässt) und ihr Leben als nicht schützenswert präsentiert, als nicht wert, betrauert zu werden.“ (S. 123)

„Die beiden Aspekte meines Arguments lassen sich wie folgt rekapitulieren: 1. Der Kampf gegen soziale Ungleichheit muss auch ein Kampf gegen die differenzielle Betrauerbarkeit sein; und 2. muss dieser Kampf Teil einer gewaltfreien Politik sein. Denn Gewaltlosigkeit bedeutet nicht nur, dass man sich gegen einen bestimmten Gewaltakt wendet, sondern auch gegen gewaltvolle Institutionen, politische Regelungen und Staaten, deren Politik darin besteht, bestimmte Bevölkerungsgruppen dem möglichen Tod auszusetzen oder Menschen sterben zu lassen.“ (S. 123)

 

Judith Butler (2025): In welcher Welt leben wir? Wien, Passagen Verlag.

3. Dezember - Walter Lübcke - Memorial

Das "Zentrum für politische Schönheit" hat am 2. Dezember eine künstlerisch professionell gestaltete Bronzeskulptur von Walter Lübcke, dem 2010 von einem faschistischen Attentäter Ermordeten, vor die CDU Zentrale in Berlin gestellt. Die Künstler:Innen schreiben zu ihrer Aktion (https://politicalbeauty.de):

"Demokratien werden nicht gestürzt. Sie werden verraten. Der Weg des Faschismus an die Macht führt über die Konservativen. So war es 1933. So könnte es wieder kommen. Die Gefahr einer faschistischen Machtaushändigung ist heute so real wie nie. In der CDU mehren sich die Stimmen, die die Brandmauer zur AfD einreißen wollen. In vielen Städten Brandenburgs und Sachsens stehen die Tore der CDU für Rechtsextremisten sperrangelweit offen. Der Konservatismus trägt Konservatismus trägt nicht nur die historische Schuld – die Konsequenzen seiner Naivität, Leichtfertigkeit und Machtbesessenheit waren mörderisch. Verfassungsfeinde gilt es zu fürchten. Es gibt keine Machtoption für die AfD ohne CDU.

Wir schaffen einen Platz gegen das Wegsehen, für Haltung und für den Schutz der Demokratie. Gedenken heißt kämpfen. Denn die Geschichte ist eindeutig: Konservative Parteien überleben nur dort, wo sie sich den Extremisten in den Weg stellen, Sympathisanten für extremistische Ansichten aus den eigenen Reihen entfernen und Extremisten von der Macht fernhalten. Walter Lübcke hat nicht geschwiegen. Er hat eine Grenze gezogen. Dafür wurde er ermordet. Die Macht der Geschichte hängt von unserem Gedenken ab. Handeln wir, ehe es zu spät ist."

Die CDU teilte mit:
Die Aktion sei eine "unaufrichtige Instrumentalisierung von
Lübcke durch linke Aktivisten" und "in ihrer Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten".
Wer den Kampf gegen die Feinde unserer Demokratie "aufrichtig mit uns führen will, darf sich nicht gegen die politische Mitte wenden.“

Und der CDU-Regierende von Berlin, Kai Wegner:
Walter Lübcke "in eine sogenannte künstlerische Provokation hineinzuziehen, die bewusst auf Eskalation und gesellschaftliche Spaltung setzt, ist schlicht unanständig".

Zitate der CDU entnommen dem "Welt" Artikel:
"Mit Warnweste darfst du alles... " (https://www.welt.de/)

Fragen:

Wer instrumentalisiert wen?
Wer eskaliert im rechten Diskurs, wer leistet spaltende Beiträge?

- siehe der "Stadtbild-Diskurs" von F.M.


Die Projektiven Affekte der CDU zeigen, dass der politische Diskurs der sogenannten «Mitte« bereits jenseits der "Anfänge, denen es zu erwehren gelte" zu verorten ist.
Wenn engagierte Kunst, wenn Aufklärung als «spaltend», als «unaufrichtig» und «unanständig» bezeichnet wird, ist der politische Diskurs schon so weit nach rechts gedriftet, dass es darum geht, mit allen antifaschistischen Kräften hinzustehen und dem rechtspolitischen, reaktionären Diskurs ein starkes, ein widerständiges STOPP entgegenzusetzen.

November 2025

9. November - 87 Jahre Reichspogromnacht...

Eingedenken

 

der Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

Menschen

...

das Licht der Kerzen

legt in Demut

 

still

 

ein Wort

auf unsere Lippen

 

Shalom

für alle Menschen

 

Shalom … Salam … Peace

Friede sei mit dir.

Der neue Faschismus...

 

„Faschismus zeichnet sich dadurch aus, sich moderne Technologien als Machtinstrument zur Durchsetzung antidemokratischer Destruktion anzueignen. Das futuristische populäre Bild von KI und die Tech-Ideologien, die hinter diesem Bild stehen, tragen die Idee einer solchen faschistischen Indienstnahme von KI-Technologie bereits in sich.

Denn in diesen Narrativen schlummert ein Heilsversprechen in Bezug auf die Zukunft, das strukturell an die Stelle des Phantasmas vom „tausendjährigen Reich“ der Nazis tritt. Der Begriff von technologischem Fortschritt, der durch Tech-Ideologien und populäre KI-Narrative transportiert wird, geht selektiv und elitistisch vor, denn er beruht auf Eugenik, Rassismus, Hierarchisierungen von Menschen und rechtfertigt soziale Ausschlüsse und Ungleichheit bis hin zur Ausbeutung und Unterdrückung.“ (S. 144 - 145)

Rainer Mühlhoff (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Stuttgart: Reclam.

Oktober 2025

 

Stadtbild - Kalküle eines Populisten
F.M. war schon vor 30 Jahren ein aufrechter Bierdeckel Populist.
Also: er beherrscht das üble Spiel der Populisten.
Jede/r weiß, was mit dem undifferenziert Gesagten gemeint ist. Erregung wird einkalkuliert.

Kritik kann mit einem "So war es nicht gemeint" ausgebremst werden. Auch das ist Kalkül.
Vereinfachende Bezüge herstellen, die assoziativ anklingen und affektiv laden, das ermöglicht, sie in den Affektraum einer Interpret:In zurückzuweisen.
Es sind die bewusst gelegten Fährten, die politisch genutzt werden.
Demnach ist die Schablone "Stadtbild" zwar nicht offen rassistisch, funktional aber sind die Fährten - zum Innenminister, der verstärkt Abschiebungen vorbereite und die instrumentalisierten "Töchter", die zu befragen seien, diese Fährten sind Vektoren, die in den rassistischen Raum der radikalen Rechten hineinreichen.

Jule Govrin`s Arbeiten entdeckt...

Jule Govrin bezieht sich u.a. auf die Analysen Judith Butlers zur Verwundbarkeit und Betrauerbarkeit der Körper und der Frage nach den Gewaltverhältnissen, die Körper und Menschen exkludieren, dass sie nicht betrauert werden können.

Des Weiteren bezieht sie sich auf die Analysen von Bini Adamczak («Beziehungsweise Revolution»), in denen Adamczak entfaltet, dass in Revolutionen jenseits des Geschlechterverhältnisses das Begehren nach (neuen) gesellschaftlichen Beziehungsweisen der Solidarität angelegt ist.

«Ein vielstimmiger Ruf von Ni Una Menos* lautet: Nos mueve el deseo - Begehren bewegt uns. Begehren, als soziale Kraft begriffen, bringt kollektive Handlungsgefüge hervor, die andere Formen des Zusammenlebens aufzeigen. Begehren wohnt nicht einem Individuum inne, sondern entspringt selbst dem Dazwischen der Körper. Es bringt wiederum Beziehungen hervor. Und wenn sich diese Beziehungen als solidarisch erweisen, kann sich ein Aufbegehren manifestieren, das alle erfasst, als geteilter Wunsch, das Bestehende zu verändern. Darin zeigt sich Begehren als politische, kollektive Kraft, als potencia. Mithin bilden solidarische Beziehungen konkrete, gelebte Alternativen, die sich der neoliberalen Rationalität und ihrem Dogma der Alternativlosigkeit widersetzen. Es ist diese performative Kraft des Begehrens, die neue Ökonomien der Sorge stiftet und Erfahrungswelten der geteilten Verwundbarkeit eröffnet. Dieses transformative Begehren widersetzt sich den sozialen Ordnungen, die sich an der Wertlogik des Kapitals ausrichten.» (S. 183)

Jule Govrin (2022): Politische Körper. Von Sorge und Solidarität. Berlin: Matthes & Seitz.

*Ni Una Menos - «Nicht eine weniger»:  nach einer Reihe brutaler Femizide entstand diese feministische Bewegung im Sommer 2015 in Argentinien. Sie verbreitete sich über die sozialen Netzwerke über ganz Lateinamerika und Teilen Europas.

Der Begehrenswert…

 

Jule Govrin geht von folgenden Fragen aus:

„Welche affektive und ästhetische Arbeit müssen Menschen leisten, um als erfolgreiche ökonomische Subjekte angesehen zu werden? Wie wirken Wertvorstellungen, Konsumpraktiken und Warenverhältnisse mit Beziehungen zusammen?“ (S. 40)

„Die Kritik des ästhetischen Kapitalismus legt die Betrachtung von Ökonomie als Begehrensökonomie nahe. Denn wenn man Kapitalismus als rein zweckrationales, bedürfnisorientiertes System begreifen will, stößt man schnell an Grenzen. Befriedigt werden allenfalls die Bedürfnisse der besitzenden oberen Prozent, zum Preis der Zerstörung von Menschenleben und Natur, angefangen bei der kolonialen Gewalt bis hin zur Klimakatastrophe, die am stärksten zulasten derer geht, die am wenigsten dafür verantwortlich sind.“ (S. 41)

„All die affektive ästhetische und sexuelle Arbeit ist derart selbstverständlich, eingesickert als Körperwissen, dass ihre Anforderungen kaum bewusst wahrgenommen und ausgeführt werden. Um sich der eigenen Attraktivität zu versichern, wird der Körper sorgsam eingekleidet, behutsam frisiert, minutiös trainiert und gezielt in Pose geworfen. Das begehrenswerte Selbst soll sich entlang kultureller Schablonen entwerfen und gleichwohl durch Geschmacksvarianzen distinguieren.

Dieser Imperativ des Individuellen schafft Freiräume, um sich jenseits von geradlinigen Biografien zu bewegen, dennoch beinhaltet er Formvorgaben zur Identitätsgestaltung. In konsumkultureller Hinsicht erscheint Individualität als flexibles Gebilde aus Präferenzen, da sich Persönlichkeit anhand von Geschmacksnuancen und Konsum- praktiken ausdifferenziert - so zumindest das Kalkül. Die Aufforderungen und Angebote, sich als attraktives Selbst herauszuarbeiten, takten attraktive Reaktionen, beeinflussen körperliches Wohlbefinden, orchestrieren Gesten und dirigieren Blickregime. Durch die Arbeit, die Menschen an ihren Körpern leisten, bewerben sie sich selbst, um im Wettstreit um Begehrenswert mitmachen zu können oder sogar hervorzustechen. Dies hat Figuren wie Influencer hervorgebracht. Sie verkörpern die Bindung zwischen dem Begehrenswert einer Ware und dem einer Person.“

(S. 80 - 81)

Govrin, Jule (2023): Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware. Berlin: Matthes & Seitz.

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Ausstellung im «Schloss» zu Gurtweil
28.09. – 26.10.2025
Der Engel der Geschichte und Margot Friedländer

Einladung zur Vernissage

am Sonntag, 28. September 2025

um 14 Uhr

Im «Schloss»

in Gurtweil / Waldshut-Tiengen, Schlüchttalstr. 1

Die Ausstellung kann Montag – Freitag von 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr und an den Sonntagen: 12.10.,19.10. und 26.10 von 14.00 – 16.00 Uhr besichtigt werden.

 

Dieter Scheibler ist an diesen Sonntagen anwesend.

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